Zugang und Klärungsphase im Unterstützungsprozess
Auf einen Blick
Zentrale Elemente der Zugangs- und Klärungsphase
Barrierefreier Zugang
- Zielgruppengerechte Aufbereitung von Angeboten, Prozessabläufen und Erfolgsdaten
- Umsetzung in Braille, Leichter Sprache und digitale Zugänglichkeit
- Physische Barrierefreiheit: z. B. Rollstuhlgerechte Zugänge und Räume
- Kommunikative Barrierefreiheit: z. B. visuelle Hilfen zur Unterstützung der Verständigung
- Kognitive Barrierefreiheit: Gestaltung von Informationen und Abläufen so, dass sie leicht verständlich und erfassbar sind
Erstgespräch: Bedarfe erkennen & Vertrauen aufbauen
Ziel:
- Kennenlernen und Bedarfsklärung
- Individuelle Vorgehensweise – Stereotype vermeiden
Grundsatz:
- Jede Person bringt eigene Bedürfnisse und Lebensumstände mit.
Die Fokusfragen:
- Berufliche Ziele und Wünsche
- Bisherige Erfahrungen und Kompetenzen
- Persönliche Interessen und mögliche Hindernisse (z. B. gesundheitliche Einschränkungen)
Berufswegeplanung: Der Schlüssel zum Erfolg
Ziel:
- Kompetenzprofil erstellen
- Fokus auf nachhaltige Integration – nicht nur kurzfristige Vermittlung
Vorgehen:
- Stärken, Interessen und Fähigkeiten analysieren
- Unterstützungsangebote gezielt anpassen (z. B. Job-Training, Arbeitsplatzanpassungen)
Klärungsphase: Was ist zu beachten?
Zuständigkeit klären
- Festlegen, welcher Dienst die Begleitung übernimmt, um Verbindlichkeit und klare Zuständigkeiten zu schaffen.
Auftragsdefinition erstellen
- Präzisieren, welche Unterstützung benötigt wird, um den Vermittlungsprozess passgenau zu gestalten
Kostenübernahme regeln
- Klären, wer die Leistung finanziert (z. B. Rentenversicherung, Arbeitsagentur), um eine stabile Finanzierung sicherzustellen
Beeinträchtigungssensibel vorgehen
- Spezifische Bedürfnisse der Klient:innen bereits im Erstgespräch berücksichtigen (z. B. Erstgespräch bei Menschen aus dem Autismus Spektrum beim IFD-Nürnberg)
Transparenz schaffen
- Frühzeitig rechtliche Rahmenbedingungen und mögliche Wege klären, um Unsicherheiten zu vermeiden
Interne Zugänge in WfbM: Übergänge gestalten im System
- Zugang über Berufsbildungs- oder Arbeitsbereich
- Teamübergreifender Austausch unterstützt Wechsel
- Feste Ansprechpersonen und klare Aufgaben
- Einfacher, geplanter Wechsel durch frühe Infos
- Beispiel: Kooperation integra MENSCH – BBB
- Erfolgsmodell: strukturiertes Übergangsmanagement in Form von Teilhabebegleitungen und Sicherung durch ergebnisoffene Beratung („INklusiv!“ Würzburg)
Externe Zugänge: Vielfalt als Erfolgsstrategie
- Zugang über Ämter oder Rentenversicherung
- Selbstanmeldung (z. B. Persönliches Budget)
- Info-Veranstaltungen an Schulen wirken gut
- Netzwerk & Empfehlungen durch Peers/Fachkräfte
- Frühe Berufsorientierung an Schulen
Öffentlichkeitsarbeit und hybride Zugänge: Sichtbarkeit schafft Zugang
- Öffentlichkeitsarbeit zeigt gute Teilhabe-Angebote
- Beispiel: DUOday – Praktikumstag in Betrieben
- Beispiel: Landkreiswette integra MENSCH
- Aktionen machen Angebote bekannt & schaffen Übergänge
Soziale Medien als Türöffner
- Reichweite über Instagram & Co.
- Junge Menschen finden leichter Zugang
- Mehr Bekanntheit & Austausch durch Social Media
So verläuft beim Dienst integra MENSCH in Bamberg der Klärungsprozess
Startgespräch mit Leitung
- Es gibt ein Informationsgespräch, bei dem die Leitung dem Interessenten integra MENSCH, die Möglichkeiten und Rahmenbedingungen vorstellt.
- Dies ist auch möglich, wenn sich der Interessent in der beruflichen Bildung befindet.
- Im Anschluss wird ein Inklusionsbegleiter bestimmt, der mit Hilfe der sozialraumorientierten Methoden (Persönliches Unterstützerteam, Familienschatzkarte, Netzwerkkarte, Gemeindebegehung) einen passgenauen Praktikumsplatz findet, der sich an den Stärken des Mitarbeiters orientiert.
- Durch die Methoden lernt die Inklusionsbegleitung den Mitarbeiter und dessen Sozialraum besser kennen.
Das „Heimspiel“ – Selbstbestimmung stärken
- Ort, Zeit und Teilnehmende wählt die Person (z. B. mit Familie oder Bezugspersonen)
- Ziel: Sicherheit vermitteln und Selbstwirksamkeit fördern
Instrumente
- Familienschatzkarte – Ressourcen im sozialen Umfeld identifizieren
- Netzwerkkarte – Unterstützende Kontakte visualisieren
Gemeindeerkundung
- Ethnografische Erkundung des Lebensumfelds, um lokale Berufschancen und Hilfsstrukturen zu ermitteln
Unterstützer:innenteam bilden
- Festlegung konkreter Teilhabeziele mit allen Beteiligten – Übergang zur nächsten Phase
Stärken dieses Vorgehens
- Partizipation – Die Person gestaltet den Prozess aktiv mit
- Ressourcenorientierung – Das soziale Umfeld wird systematisch genutzt
- Flexibilität – Auch Menschen ohne familiäres Netzwerk werden einbezogen
Sechs Schritte der Klärungsphase beim Übergang aus der WfbM, entwickelt im Projekt Jobbudget unter Beteiligung von Access
- Erstgespräch und Beratung
- Vertrauensaufbau
- Angebotsvorstellung
- Lebensgeschichte & Motivation
- Fähigkeiten & Berufswünsche
- Persönliche Zukunftsplanung
- Unterstützer:innenkreis bilden
- Individuelle Zukunftsperspektiven entwickeln
- Info- und Kennenlerntage
- Gruppen- und Selbstreflexion
- Betriebsbesuche & Schnuppertage
- Austausch mit Ehemaligen
- Arbeitsplatzbesuch in der WfbM
- Praxiseinschätzung
- Beobachtungen fürs Fähigkeitsprofil
- Erstellung des Fähigkeitsprofils
- Grundlage: Gespräche, Zeugnisse, Gutachten
- Ergebnis: Berufsfeldempfehlungen
- Perspektivenklärung und Integrationsplanung
- Abschlussgespräch mit allen Beteiligten über die weitere Zusammenarbeit
- Individueller Integrationsplan
- Anschließend mit Akquise starten
Klärungsphase im Berufsbildungsbereich sowie im Arbeitsbereich – Praxisbeispiel INklusiv! Gemeinsam arbeiten: Phasenmodell der beruflichen Integration
- Phase 1: Persönlicher Kontakt startet den Prozess
- Erstgespräch
- Motivationsschreiben
- Phase 2: Berufliche Zukunftsplanung
- Tool: Arbeitsblatt „9 gute Dinge über mich“
- Netzwerkkarte / „Mein Netz“ umfasst Freunde, Familie und Bekannte
- Netzwerkgespräch
- persönliches Unterstützerteam
- ethnografische Gemeindeerkundung
- Phase 3: Netzwerkarbeit
- fallspezifische Netzwerkarbeit
- fallunspezifische Netzwerkarbeit
- Passende Arbeitgeber und Ansprechpersonen finden
- Grundlage sind das gewünschte Arbeitsfeld und die individuellen Fähigkeiten
- Phase 4: Begleitung im Betrieb
- Praktikum
- Festlegung der Unterstützer und Aufbau eines Unterstützersystems im Betrieb
- Feedbackgespräche
- Kooperation
- Arbeitsplatzssicherung
- Entscheidung für einen geeigneten Betrieb
Vertiefung
Einleitung
Erfolgreiche berufliche Teilhabe beginnt mit einem guten Einstieg. Die Zugangs- und Klärungsphase bietet erste Einblicke in Unterstützungsangebote, persönliche Beratung und Perspektiven für den Berufsweg. Barrierefreie Informationen, ein persönliches Erstgespräch und eine individuell abgestimmte Berufswegeplanung bilden die Grundlage für eine nachhaltige Integration in den Arbeitsmarkt.
Bedeutung der Zugang- und Klärungsphase
Die Zugangs- und Klärungsphase – auch Orientierung und Beauftragung genannt – ist ein wichtiger Teil im Unterstützungsprozess für Menschen mit Behinderungen. Sie ist entscheidend für eine erfolgreiche Teilhabe am Arbeitsleben. Schon in dieser frühen Phase sollten Dienstleister:innen wichtige und gut aufbereitete Informationen über ihr Angebot, den Ablauf der Unterstützung und bisherige Erfolge bereitstellen. Dabei ist es besonders wichtig, dass die Informationen barrierefrei sind – inhaltlich und formal. Die Materialien müssen an die jeweiligen Beeinträchtigungen der Zielgruppe angepasst werden. Auch die Räume sollten körperlich, kommunikativ und kognitiv gut zugänglich gestaltet sein.
Sichtbarkeit und Öffentlichkeitsarbeit
Ein hoher Bekanntheitsgrad im jeweiligen Einzugs- und Zuständigkeitsbereich erleichtert es, interessierte Personen zu erreichen. Gezielte Öffentlichkeitsarbeit – auch über soziale Medien – trägt wesentlich dazu bei, potenzielle Nutzer:innen anzusprechen und über das Unterstützungsangebot zu informieren.
Das Erstgespräch: Kennenlernen und Bedarfsklärung
Im Erstgespräch lernen sich die interessierte Person und die Fachkräfte des Dienstes kennen. Dabei geht es darum, wichtige Themen zu besprechen, wie zum Beispiel:
- Wünsche und berufliche Ziele,
- bisherige berufliche Erfahrungen,
- persönliche Interessen,
- Kompetenzen und Stärken sowie
- mögliche Hürden für eine Beschäftigung
Dabei sollte berücksichtigt werden, dass Menschen mit Behinderungen sehr unterschiedlich sind. Sie haben individuelle Bedürfnisse und Lebenssituationen und dürfen nicht als eine einheitliche Gruppe gesehen werden. Diese individuelle Sichtweise sollte den gesamten Unterstützungsprozess prägen.
Bereits im Erstgespräch sollten beeinträchtigungsspezifische Aspekte berücksichtigt werden, die für den Aufbau einer tragfähigen Beziehung und für eine passgenaue Planung entscheidend sind. Ein Beispiel hierfür ist der sensible Umgang mit Menschen aus dem Autismus-Spektrum. Hinweise dazu sind im Kapitel 3 „Arbeitshilfen und weiterführende Dokumente“ zu finden.
Individuelle Berufsplanung und Beratung
Ein zentrales Element der Klärungsphase ist die persönliche Berufswegeplanung. Sie basiert auf einem ausführlichen Profil der Interessen, Ressourcen, Bedürfnisse, Fähigkeiten und Kompetenzen der Person. Dadurch kann die Unterstützung genau auf die jeweilige Situation abgestimmt werden. So steigen die Chancen auf eine langfristige Teilhabe am Arbeitsleben.
Information über Angebote und Rahmenbedingungen und Klärungsphase
Die Klärungsphase bildet eine zentrale Etappe im Vermittlungsprozess. In dieser Phase werden wesentliche Rahmenbedingungen geklärt: Wer ist zuständig? Welcher Auftrag wird durch den Dienst übernommen? Und auf welcher Grundlage erfolgt die Kostenübernahme?
Interessierte Personen erhalten umfassende Informationen über
- die konkreten Dienstleistungen des Anbieters,
- Formen und Arten der Unterstützung,
- typische Abläufe der beruflichen Integration sowie
- bisherige Vermittlungserfolge.
Je nach Region kann auch die aktuelle Arbeitsmarktsituation mit einbezogen werden.
Ebenso wichtig ist die Klärung formaler Fragen: Wer übernimmt die Kosten? Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein? Erst wenn diese Punkte geklärt sind, kann die eigentliche Unterstützung beginnen. Ziel der Klärung ist es, herauszufinden, in welchem rechtlichen Rahmen und in welcher konkreten Maßnahme die interessierte Person auf Basis ihrer Kompetenzen, Interessen, Wünsche und individuellen Ausgangslage am besten aufgehoben ist.
Beispiele aus der Praxis
Zugangswege zu Angeboten der beruflichen Teilhabe
Der Zugang zu den Angeboten ist sehr unterschiedlich – je nach Maßnahme, Träger:innenschaft, Finanzierung und Zielgruppe. Grundsätzlich gibt es sowohl interne als auch externe Zugangswege. Die meisten Dienste kombinieren beide Formen, um möglichst viele interessierte Personen zu erreichen und passende Übergänge zu ermöglichen.
Interne Zugänge in WfbM: Übergänge gestalten im System
Interne Zugänge entstehen durch die Anbindung an bestehende Maßnahmen und Angebote des eigenen Trägers oder Betriebs. Oft erfolgt der Übergang über den Berufsbildungsbereich (BBB) oder den Arbeitsbereich innerhalb der Werkstätten. Damit solche Übergänge reibungslos verlaufen, braucht es einen regelmäßigen, strukturierten Austausch zwischen den beteiligten Teams. Klare Zuständigkeiten und feste Ansprechpersonen unterstützen diesen Prozess erheblich.
Wichtig ist auch, dass interne Wechsel zwischen Maßnahmen einfach möglich sind und von der Leitung aktiv gefördert werden. Erste Impulse dafür können bereits im Eingangsverfahren oder bei Einführungstagen gesetzt werden – zum Beispiel durch Informationen über Angebote zur Teilhabe am allgemeinen Arbeitsmarkt.
Ein gutes Beispiel für solch einen integrativen Ansatz ist die Zusammenarbeit zwischen integra MENSCH und dem BBi – Zentrum für berufliche Bildung der Lebenshilfe Bamberg. Um sich eng abzustimmen, gibt es dort beispielsweise monatliche Jour Fix Termine.
Ein weiterer Erfolgsfaktor sind spezielle Stellen und Strukturen für Übergangsmanagement:
Bei INklusiv! Gemeinsam arbeiten – einem Dienst der Mainfränkischen Werkstätten in Würzburg – arbeiten Teilhabebegleitungen, die sich ausschließlich um interne und externe Übergänge kümmern. Sie haben keine Aufgaben im klassischen Werkstattdienst. Das schafft klare Strukturen und ermöglicht eine gezielte Begleitung. Ihre Aufgabe besteht darin, das Übergangsmanagement in sämtlichen Teilhabebereichen der Mainfränkischen Werkstätten zu begleiten, unter Anderem im Rahmen von „INklusiv!“, BÜWA sowie Übergänge in Inklusionsbetriebe, Budget für Arbeit oder für Ausbildung.
Externe Zugänge: Vielfalt als Erfolgsstrategie
Auch externe Zugänge sind vielfältig: Manche Interessierte werden durch Leistungsträger:innen wie die Rentenversicherung vermittelt, andere nehmen selbst Kontakt auf – etwa im Rahmen eines Persönlichen Budgets nach § 29 SGB IX. Wichtig sind außerdem Informationsveranstaltungen, besonders an Förder- und Regelschulen. Diese haben sich in der Praxis als besonders erfolgreich erwiesen. Viele Dienste pflegen gezielt Netzwerke, um über Veranstaltungen oder persönliche Empfehlungen Zugang zu Interessierten zu erhalten. Die Erfahrungen zeigen: Ein breites Netzwerk ist ein entscheidender Erfolgsfaktor – sowohl im sozialen Umfeld der Zielgruppe (zum Beispiel durch Peer-Empfehlungen) als auch im professionellen Bereich durch Zusammenarbeit mit anderen Institutionen. Die Präsenz an Schulen ist besonders wirkungsvoll. Neben Informationsveranstaltungen ermöglichen berufliche Orientierungsmaßnahmen einen direkten Kontakt zu Schüler:innen mit Unterstützungsbedarf. Hier ist eine enge Zusammenarbeit mit den schulischen Sozialdiensten besonders hilfreich. Ein gutes Beispiel für gute Kooperationen ist der Dienst Access, der junge Erwachsene beim Einstieg in den allgemeinen Arbeitsmarkt unterstützt. Im Rahmen des bayernweiten Programms „Übergang Förderschule-Beruf (ÜFSB)“ arbeitet er wie auch der IFD-Mittelfranken mit den mittelfränkischen Schulen zusammen.
Öffentlichkeitsarbeit und hybride Zugänge: Sichtbarkeit schafft Zugang
Ein weiterer wichtiger Baustein für erfolgreiche Zugangsarbeit ist die kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit. Sie kann über klassische Formate erfolgen, aber auch kreative Aktionen umfassen. Zwei inspirierende Beispiele:
- DUOday (Hamburg): Ein jährlicher Aktionstag, bei dem Unternehmen Menschen aus WfbMs für ein eintägiges Praktikum aufnehmen. Dabei bilden Praktikant:in und Mitarbeiter:in ein Tandem. Dieser Tag bietet nicht nur eine direkte Erfahrung für beide Seiten, sondern sensibilisiert Unternehmen für das Potenzial von Menschen mit Behinderungen und macht das Angebot bekannter.
- Landkreiswette (integra MENSCH in Bamberg): Eine öffentlichkeitswirksame Aktion, die unter anderem Aufmerksamkeit für das Thema berufliche Teilhabe geschafft hat und gleichzeitig neue Kontakte und Zugangsmöglichkeiten eröffnete.
Diese hybriden Formate wirken doppelt: Sie schaffen konkrete Übergänge und tragen dazu bei, das Thema langfristig in der Öffentlichkeit zu verankern.
Soziale Medien als Türöffner
Die Präsenz in sozialen Medien wird immer wichtiger – zurzeit insbesondere auf Plattformen wie Instagram. Einige Dienste berichten, dass sie über eine professionelle und regelmäßig gepflegte Präsenz gezielt Menschen erreichen, die auf klassische Informationskanäle nicht reagieren würden.
Soziale Medien bieten nicht nur eine Bühne für die Außendarstellung, sondern ermöglichen auch eine digitale Vernetzung mit anderen Träger:innen und Initiativen. Das stärkt die Sichtbarkeit im Hilfesystem insgesamt und erleichtert direkte, niedrigschwellige Kontakte zu potenziellen Teilnehmenden.
Fazit
Um Menschen mit Behinderungen erfolgreich in den allgemeinen Arbeitsmarkt zu vermitteln, ist es wichtig, viele verschiedene Zugangswege aktiv zu gestalten – intern wie extern, klassisch wie innovativ. Die Beispiele aus der Praxis zeigen: Je breiter und besser vernetzt die Zugänge sind, desto erfolgreicher kann individuelle Teilhabe gelingen.
Klärungsphase mit sozialraumorientierten Methoden – Das Beispiel integra Mensch
Bei integra MENSCH in Bamberg wird die Klärungsphase auf Grundlage der sozialraumorientierten Methoden (SRO) nach Früchtel, Cyprian und Budde (2013) gestaltet. Der Fokus liegt darauf, die individuellen Stärken, Wünsche und sozialen Netzwerke der Person mit Behinderung sichtbar zu machen und aktiv einzubeziehen.
Zielsetzung und Methodik
Ziel der SRO-basierten Klärung ist es, den Willen der Person zu erkennen, realistische Ziele zu formulieren und die Bedingungen herauszufinden, unter denen diese Ziele erreichbar sind. Dabei wird das soziale Umfeld – Familie, Nachbarschaft, Freund:innen – als wichtige Ressource aktiv eingebunden.
Ablauf der Klärung
Die Klärungsphase beginnt mit einem Informationsgespräch, das gemeinsam mit der Leitung und der stellvertretenden Leitung von integra MENSCH geführt wird. Danach wird entschieden, ob ein berufliches Orientierungsteam gebildet wird. Dieses Team setzt sich meist aus der Bereichsleitung sowie einer Inklusionsbegleitung zusammen und sorgt für die korrekte Anwendung der SRO-Methoden.
Das „Heimspiel“ – Selbstbestimmung von Anfang an
Ein wichtiges Element ist das sogenannte Heimspiel: ein Erstgespräch, das in einem von der Person selbst gewählten Rahmen stattfindet. Die Person bestimmt Zeit, Ort und Teilnehmende des Treffens – meist Eltern oder enge Bezugspersonen. Auch der Ablauf wird gemeinsam geplant.
Ziel ist es, die Selbstbestimmung zu stärken und der Person Sicherheit zu geben. Menschen ohne stabiles familiäres Umfeld können das Heimspiel auch ohne Angehörige gestalten.
Folgende Instrumente kommen dabei zum Einsatz:
- Familienschatzkarte
- Netzwerkkarte
Beide Methoden helfen, Ressourcen im sozialen Umfeld sichtbar zu machen.
Gemeindeerkundung und Aufbau des Unterstützer:innenteams
Nach dem Heimspiel erfolgt eine ethnografische Gemeindeerkundung: Das direkte Lebensumfeld wird erkundet, um lokale Ressourcen, berufliche Möglichkeiten und Unterstützungsstrukturen zu identifizieren.
Anschließend wird gemeinsam ein persönliches Unterstützer:innenteam bestimmt und konkrete Teilhabeziele werden formuliert. Damit beginnt die nächste Phase der Unterstützung.
Fazit
Die Klärungsphase ist weit mehr als ein formales Verfahren. Sie bildet die Grundlage für eine passgenaue, beteiligungsorientierte Unterstützung. Das Beispiel von integra MENSCH zeigt: Durch methodisch fundierte Prozesse können Selbstbestimmung und Teilhabe von Anfang an gestärkt werden.
Klärungsphase in sechs Schritten – Das Beispiel des Fachdienstes ACCESS
Beim Fachdienst ACCESS in Nürnberg gliedert sich die Klärungsphase in sechs aufeinander folgende Schritte, um den Übergang von der Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu begleiten.
Schritt 1: Erstgespräch und Beratung
Im ersten Schritt lernen sich die interessierte Person und die Integrationsfachkraft kennen. In einem Erstgespräch sowie weiteren Beratungsterminen werden Ziele und Inhalte des Angebots erklärt. Die Person berichtet über ihre Lebensgeschichte, Motivation, Erfahrungen, Fähigkeiten, Unterstützungsbedarfe und beruflichen Wünsche. Dieses gegenseitige Kennenlernen bildet die Basis für die weitere Zusammenarbeit.
Schritt 2: Persönliche Zukunftsplanung
Gemeinsam werden Zukunftsperspektiven erarbeitet, basierend auf den Wünschen und Stärken der Person. Dabei wird ein Unterstützer:innenkreis aus vertrauten Personen gebildet, der die Planung begleitet.
Schritt 3: Info- und Kennenlerntage
Interessierte nehmen an Info- und Kennenlerntagen teil, die Selbstreflexion und Kompetenzermittlung ermöglichen. Hier lernen sie verschiedene Berufsfelder kennen, nehmen an Betriebsbesichtigungen teil oder sprechen mit bereits vermittelten Teilnehmenden.
Schritt 4: Arbeitsplatzbesuch in der WfbM
Die Integrationsfachkraft besucht die Person an ihrem aktuellen Arbeitsplatz in der Werkstatt. So erhält sie einen praxisnahen Einblick in Fähigkeiten und Unterstützungsbedarfe.
Schritt 5: Erstellung des Fähigkeitsprofils
Aus allen gesammelten Informationen wird gemeinsam ein schriftliches Fähigkeitsprofil erstellt. Dieses dient dazu, passende Berufsfelder zu finden.
Schritt 6: Perspektivenklärung und Integrationsplanung
In einem abschließenden Gespräch werden Unterstützungsbedarf, Ziele und ein individueller Integrationsplan festgelegt. Mitglieder des Unterstützer:innenkreises sowie relevante Akteur:innen werden dabei einbezogen.
Klärungsphase als Teil des Eingangsverfahrens – Das Beispiel INklusiv! Gemeinsam arbeiten
Bei INklusiv! Gemeinsam arbeiten in Würzburg ist die Klärungsphase in das dreimonatige Eingangsverfahren der WfbM integriert. Sobald der Wunsch in Eingangsverfahren des Berufsbildungs- oder Arbeitsbereichs nach sozialraumintegrierter Arbeit geäußert wird, startet die Klärung.
Beginn mit persönlichem Kontakt
Die Integrationsfachkraft besucht die interessierte Person direkt in ihrer Werkstattarbeitsgruppe. Ziel ist es, einen praxisnahen Einblick zum derzeitigen Tätigkeitsprofil sowie Stärken und Talente zu erhalten. Ein Erleben der Person im Sozialraum „Werkstatt“ soll zum Beziehungsaufbau genutzt werden. Dort wird ein Motivationsschreiben erarbeitet, das die Selbstreflexion anregen soll. Die Person hält ihre Beweggründe, Wünsche und Ziele fest. Die Erarbeitung des Motivationsschreibens kann gemeinsam mit der Integrationsbegleitung erfolgen.
Berufliche Zukunftsplanung – Ressourcensammlung
Gemeinsam wird auf Grundlage des Motivationsschreibens und des Arbeitsblatts „9 gute Dinge über mich“ eine Sammlung von Stärken und Ressourcen erstellt. Ziel ist es, ein positives Selbstbild aufzubauen und eine Orientierung für den weiteren Prozess zu schaffen.
Anschließend wird das persönliche Unterstützungsnetzwerk mithilfe einer Netzwerkkarte visualisiert. In einer Gemeindeerkundung werden mögliche Arbeits- und Wohlfühlorte im Sozialraum besichtigt und persönliche Wünsche berücksichtigt. Begegnungsräume werden gemeinsam erkundet, was ebenfalls den kontinuierlichen Beziehungsaufbau stärkt.
Netzwerkarbeit
Fallspezifische und fallunspezifische Netzwerkarbeit sind zentrale Bestandteile einer wirkungsvollen Teilhabeplanung . Sie ermöglichen sowohl individuelle, passgenaue Unterstützungsangebote als auch die nachhaltige Entwicklung und Stärkung kooperativer Strukturen im Sozialraum. Unter Beteiligung des persönlichen Unterstützerteams werden gemeinsam berufliche Zukunftsperspektiven auf Basis der individuellen Fähigkeiten erarbeitet. Zusammen werden passende Arbeitgeber und Ansprechpersonen identifiziert.
Abschluss und Entscheidungsfindung
Für die Begleitung im Betrieb kann folgender strukturierter Weg zur nachhaltigen Teilhabe identifiziert werden:
- Praktikum als Einstieg
Das Praktikum dient als praktische Erprobung des Tätigkeitsfeldes im Betrieb. Es ermöglicht sowohl den Mitarbeitenden als auch den Unternehmen, sich gegenseitig kennenzulernen und Potentiale sowie Unterstützungsbedarfe zu erfassen. Ziel ist es, einen realistischen Einblick in den Arbeitsalltag zu ermöglichen und berufliche Erfahrungen zu sammeln – mit dem Blick, ob sich Teilnehmende und Betrieb eine langfristige Zusammenarbeit vorstellen können.
- Feedbackgespräche zur Reflexion
Kurz vor Ende des Praktikums findet ein strukturiertes Feedbackgespräch statt. Hier werden Erfahrungen aller Beteiligten ausgewertet, Kompetenzen benannt und Entwicklungsmöglichkeiten besprochen. Das Gespräch bildet die Grundlage für weitere Planungsschritte und dient der gemeinsamen Einschätzung, ob eine weiterführende Zusammenarbeit sinnvoll ist.
- Kooperationsvereinbarung mit dem Betrieb
Bei positivem Verlauf wird eine Kooperationsvereinbarung geschlossen. Diese legt Zuständigkeiten sowie rechtliche Rahmenbedingungen fest. Eine fortwährende Zusammenarbeit umfasst auch nach Kooperationsschließung die Begleitung sowie das Jobcoaching durch das Team von „INklusiv! Gemeinsam arbeiten“.
- Arbeitsplatzsicherung und weitere Übergangsmaßnahmen
Ziel ist die langfristige Sicherung des Kooperationsverhältnisses in Verbindung mit Qualifizierungsmaßnahmen zur Schaffung von Übergängen in ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis. Dies erfolgt durch individuelle Begleitung, ggf. auch unter Einsatz von Förderinstrumenten wie dem Budget für Arbeit, wobei die Stabilisierung der Beschäftigung sowie die Integration ins Team und die Arbeitsprozesse im Fokus stehen.
Zusammenfassende Empfehlungen
1. Personenzentrierung: Die Klärungsphase richtet sich konsequent nach den Interessen, Wünschen und Lebenslagen der Betroffenen.
2. Kooperationsnetzwerke: Ein breites Netzwerk an Partnern erweitert Handlungsoptionen und schafft vielfältige Übergänge.
3. Vielfalt an Berufsfeldern: Ein differenziertes Angebot an Kooperationsbetrieben ermöglicht Einblicke in verschiedene Tätigkeiten, Anforderungen und Kompetenzen.
4. Sozialraum- und Finanzierungskompetenz: Fachkräfte benötigen fundiertes Wissen über rechtliche Grundlagen, Fördermöglichkeiten und Zugangsvoraussetzungen.
5. Tandemzuständigkeit der Fachkräfte: Eine Tandemzuständigkeit pro Fall erhöhen Verlässlichkeit und Kontinuität im Unterstützungsprozess.
6. Transparente Kommunikation: Klare, verständliche Kommunikation – auch in unterstützter Form (z. B. Leichte Sprache, Gebärdensprache) – ist essenziell.
7. Verbindliche Kooperationsvereinbarungen: Absprachen mit externen Partner:innen sichern Verbindlichkeit und klare Zuständigkeiten.
8. Effiziente Dokumentation: Ein einheitliches, strukturiertes Dokumentationssystem stärkt Transparenz, Qualitätssicherung und Nachvollziehbarkeit.
9. Sozialraumorientierung: Angebote sollen sich am Sozialraum der Betroffenen orientieren, um nachhaltige Übergänge zu schaffen. Regionalkonferenzen mit relevanten Akteur:innen können die Vernetzung unterstützen.
10. Digitale Sichtbarkeit: Ein aktiver Instagram-Kanal und eine informative Website mit Peer-Videos erhöhen die Bekanntheit des Angebots und senken Zugangshürden.
Literaturverzeichnis
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Doose, S. (2012). Unterstützte Beschäftigung: Berufliche Integration auf lange Sicht; Theorie, Methodik und Nachhaltigkeit der Unterstützung von Menschen mit Lernschwierigkeiten auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt; eine Verbleibs- und Verlaufsstudie. Zugl.: Bremen, Univ., Diss., 2006 (3. aktualis. u. vollst. überarb. Aufl.). Lebenshilfe-Verl.
Früchtel, F., Cyprian, G. & Budde, W. (2013). Sozialer Raum und Soziale Arbeit: Fieldbook: Methoden und Techniken (3., überarb. Aufl. 2013). Springer eBook Collection Humanities, Social Science. Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-531-19047-1
Maaß, S., Zentel, P., Poppe, F. & Blach, K. (2023). Teilhabe am Arbeitsleben durch Andere Leistungsanbieter. In V. Schachler, W. Schlummer & R. Weber (Hrsg.), Zukunft der Werkstätten: Perspektiven für und von Menschen mit Behinderung zwischen Teilhabe-Auftrag und Mindestlohn (S. 265–279). Verlag Julius Klinkhardt; Verlag der Bundesvereinigung Lebenshilfe e.V. https://doi.org/10.25656/01:26781
Leseempfehlungen
Doose, S. (2020). I want my dream; Persönliche Zukunftsplanung Neue Perspektiven und Methoden einer personenzentrierten Planung mit Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen. AG SPAK Bücher. 11., aktualisierte Auflage
