Familie und Netzwerk – Familiäres Umfeld, Unterstützungskreise, Netzwerkarbeit
Auf einen Blick
Einbindung des sozialen Umfelds
- Familiäres Umfeld, Freund:innen und weitere Bezugspersonen als wichtige Ressource
- Aufbau von persönlichen Netzwerken zur Begleitung des Übergangs in Arbeit
- Ergänzung zur betrieblichen Unterstützung durch soziale Einbindung
Unterstützungskreise als Ressource
- Gruppe aus selbst gewählten Unterstützer:innen begleitet den Übergangsprozess
- Mitglieder können aus Familie, Freundeskreis, Schule oder Nachbarschaft stammen
- Auch Personen mit Fachwissen oder Zugang zu bestimmten Berufsfeldern einbeziehen
- Verantwortung auf mehrere Schultern verteilen – Entlastung für Fachkräfte und Dienste
Funktionen und Potenziale von Unterstützungskreisen
- Kombination professioneller und informeller Unterstützung
- Gemeinsames Erkunden von Übergangswegen und Lösen von Problemen
- Koordination von Unterstützungsprozessen über verschiedene Lebensbereiche hinweg
- Ziel: Ermutigung, Stärkung und Begleitung bei der Umsetzung beruflicher Perspektiven
Grundsatz der Freiwilligkeit
- Einbindung des sozialen Umfelds erfolgt nur auf ausdrücklichen Wunsch der Person
- Zustimmung ist Voraussetzung – Ablehnung wird respektiert
- Person entscheidet selbst über Unterstützer:innen (z.B. Familie, Freunde, Fachkräfte)
- Individuelle Betrachtung zur Berücksichtigung persönlicher Bedürfnisse und Wünsche
Schritte zur Einbindung des sozialen Umfelds
- Kennenlerngespräche
- Durchgeführt im Dienst oder als Hausbesuch
- Ziel: Lebensumfeld verstehen und Kooperationsrahmen gemeinsam festlegen
- Offene Kommunikation
- Bereitstellung von Kontaktmöglichkeiten für das Umfeld
- Information über relevante Entwicklungen schafft Vertrauen
- Regelmäßige Reflexionsgespräche
- 1–2 Mal jährlich
- Gemeinsame Besprechung von Entwicklung, Zielen und Unterstützungsbedarf
- Krisenmanagement
- Bildung oder Aktivierung von Unterstützungskreisen bei akuten Problemen
- Gemeinsame Maßnahmenplanung zur Sicherung des Arbeitsverhältnisses
Bedeutung externer Kooperationen
- Kooperation mit externen Akteur:innen ist zentral für berufliche Integration
- Relevante Akteur:innen: familiäre Bezugspersonen, gesetzliche Betreuer:innen, Fachkräfte anderer sozialer Dienste und Einrichtungen
Zusammenarbeit beim Übergang Schule–Beruf
- Enge Abstimmung mit (Förder-)Schulen und deren Sozialdiensten
- Durchführung gemeinsamer Fallbesprechungen und Abstimmungsgespräche
- Ziel: Nahtlose Übergänge, individuelle Berufsorientierung und Kompetenzentwicklung
- Intensiver Elternkontakt in dieser Phase – emotionale und praktische Unterstützung durch Familien
- Eltern unterstützen bei Arbeitssuche und Einarbeitung in Betriebe
Persönliche Zukunftsplanung (PZP)
- Methode zur Förderung von Selbstbestimmung und individueller Lebensplanung
- Berücksichtigung von Stärken, Interessen und Entwicklungszielen der Person
- Durchführung von Zukunftskonferenzen unter Einbezug des sozialen Umfelds und relevanter Akteur:innen
Rolle der gesetzlichen Betreuung bei hohem Unterstützungsbedarf
- Eltern übernehmen oft rechtliche Vertretung und Vermittlungsfunktion
- Enge Zusammenarbeit zwischen Eltern, Fachkräften und potenziellen Arbeitgeber:innen erforderlich
- Gemeinsame Verantwortung zur Vermeidung von Konflikten stärken
- Besonders wichtig bei jungen Klient:innen mit hohem Unterstützungsbedarf
Anforderungen bei Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen
- Die Einbeziehung des familiäres Umfeld spielt bei ihnen eine untergeordnete Rolle
- Wichtige Unterstützer: Ambulante Sozialpsychiatrie, Gesetzliche Betreuer:innen
Gezielte Kontaktgespräche statt zufälliger Begegnungen
- Viele Fachkräfte setzen bewusst auf vorbereitete Gespräche zur Netzwerkpflege
- Ziel: nachhaltige Förderung beruflicher Inklusion durch strategische Netzwerkarbeit
Zentrale Fragen zur Vorbereitung von Kontaktgesprächen
- Was sind meine Ziele für den Kontakt?
- Was will ich mindestens erreichen?
- Wie stelle ich mich vor und wecke Interesse?
- Was kann ich den potenziellen Netzwerkpartner:innen bieten?
Nutzen der strukturierten Vorbereitung
- Erhöht die Wirksamkeit von Netzwerkkontakten
- Trägt zur langfristigen Stabilität und Wirksamkeit inklusiver Unterstützungsnetzwerke bei
Grundverständnis der Netzwerkarbeit
- Netzwerkarbeit basiert auf sozialen Beziehungsnetzen in der Region
- Ziel: Aufbau von Vertrauensbeziehungen im sozialen und beruflichen Umfeld
- Netzwerke sind langfristige Ressourcen für zukünftige Unterstützungsprozesse
Fallunspezifische Netzwerkarbeit als Grundlage der Jobakquise
- Jobcoaches bei integra MENSCH und INklusiv! agieren als aktive Netzwerker:innen
- Netzwerkarbeit erfolgt unabhängig von konkreten Klient:innenfällen
- Ziel: Lokale Strukturen verstehen und systematisch für berufliche Inklusion nutzen
Schlüsselaktivitäten in der Netzwerkarbeit
- Präsenz in Gemeinden/Stadtteilen zur Kontaktpflege mit Vereinen, Betrieben, Politik etc.
- Nutzung bestehender Kontakte und gezielte Einbindung von Schlüsselpersonen
- Nutzung alltäglicher Begegnungen als Informationen über potenzielle Arbeitgeber:innen
Kontinuierliche Erweiterung und Teamarbeit
- Arbeitsplatzsuche beginnt unabhängig vom konkreten Fall
- Fachkräfte pflegen und erweitern kontinuierlich ihr Kontaktnetz
- Weitergabe fallunspezifischer Informationen im Team fördern Effizienz und Expertise
Kommunikative Kompetenzen als Erfolgsfaktor
- Netzwerkarbeit erfordert Kommunikationsstärke und soziale Intelligenz
- Ziel: Vertrauensvolle Gespräche auf persönlicher Ebene, ohne sofortige Zielorientierung
- Beispielhafte Leitfragen:
- Wie knüpfe ich neue Verbindungen?
- Wer kann „Türöffner:in“ für Betriebe sein?
- Wie schaffe ich Sympathie und Vertrauen?
Vertrauen und gegenseitiger Nutzen als Prinzip
- Kontakte werden zweckfrei und ohne unmittelbare Erwartungen aufgebaut
- Gegenseitiger Nutzen steht im Vordergrund – z. B. durch Einbindung in gemeinwohlorientierte Projekte
- Langfristiges Ziel: stabile, belastbare und nachhaltige Kooperationsbeziehungen
Vertiefung
Einleitung
Neben der Unterstützung des Betriebs und seiner Mitarbeitenden ist auch die Einbindung des familiären Umfelds sowie die Bildung von Unterstützungskreisen und Netzwerken aus persönlichen Unterstützer:innen ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit der befragten Dienste.
Unterstützungskreise als Ressource
Ein Unterstützungskreis ist eine Gruppe von Personen, die die unterstützte Person beim Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt begleiten und unterstützen. Die Mitglieder eines Unterstützungskreises werden – mit der nötigen Unterstützung – von der unterstützten Person selbst ausgewählt und eingeladen. Zu diesen Mitgliedern können unter anderem Freund:innen, Familienmitglieder, (ehemalige) Lehrer:innen, Wohngruppenmitarbeiter:innen, Werkstattgruppenleiter:innen, aber auch Nachbar:innen oder andere relevante Personen aus dem sozialen Umfeld gehören.
Dabei kann es sinnvoll sein, auch Personen einzubeziehen, die sich in einem bestimmten Tätigkeitsfeld gut auskennen oder Zugang zu diesem Bereich ermöglichen können. Der Unterstützungskreis soll die Verantwortung für den Übergangsprozess auf mehrere Schultern verteilen, sodass nicht eine einzelne Person oder ein Dienst die gesamte Verantwortung tragen muss.
Funktionen und Potenziale von Unterstützungskreisen
Die Arbeit mit Unterstützungskreisen bietet für alle Beteiligten eine wertvolle Ressource, da sie professionelle und nichtprofessionelle Unterstützungspotenziale verbindet. Diese Netzwerke schaffen die Möglichkeit, gemeinsam Übergangswege zu erkunden, Probleme zu lösen und Unterstützungsprozesse zu koordinieren.
Die zentrale Aufgabe eines Unterstützungskreises besteht darin, die unterstützte Person bei der Planung ihrer beruflichen Zukunft zu ermutigen, zu stärken und bei der konkreten Umsetzung der Übergangsziele zu begleiten.
Beispiele aus der Praxis
Vorgehen in der Arbeit mit Unterstützungskreisen und dem sozialen Umfeld
Der Einbezug des sozialen Umfelds sowie die Bildung von Unterstützungskreisen erfolgen nach den Aussagen der befragten Fachkräfte stets bedarfsgerecht und nur auf ausdrücklichen Wunsch der unterstützten Person. Ein zentraler Grundsatz ist dabei die Freiwilligkeit: Die unterstützte Person muss einer solchen Einbindung zustimmen. Wird der Kontakt zum sozialen Umfeld abgelehnt, ist dies zu respektieren.
Was zum sozialen Umfeld zählt, kann je nach Person sehr unterschiedlich sein und wird in der Regel von der unterstützten Person selbst definiert. Dazu können Eltern, Geschwister, Großeltern, Freund:innen, aber auch institutionelle Bezugspersonen wie Betreuer:innen oder pädagogische Fachkräfte gehören. Eine individuelle Betrachtung steht hier an erster Stelle, um die spezifischen Bedürfnisse und Wünsche der unterstützten Person zu berücksichtigen.
Schritte zur Einbindung des sozialen Umfelds
Die befragten Dienste beschreiben folgende Schritte für die Einbindung des sozialen Umfelds oder die Bildung eines Unterstützungskreises:
- Kennenlerngespräche: Diese finden in den Räumlichkeiten des Dienstes oder im Rahmen von Hausbesuchen statt. Ziel ist es, das Lebensumfeld der unterstützten Person besser zu verstehen und gemeinsam das Vorgehen für die weitere Zusammenarbeit festzulegen.
- Offene Kommunikation: Das soziale Umfeld erhält Kontaktmöglichkeiten und wird bei Bedarf über wichtige Entwicklungen informiert. Dies schafft Transparenz und Vertrauen.
- Regelmäßige Reflexionsgespräche: Mindestens ein- bis zweimal im Jahr werden Reflexionsgespräche geführt. Dabei wird gemeinsam mit der unterstützten Person und gegebenenfalls dem sozialen Umfeld über den aktuellen Entwicklungsstand und den weiteren Unterstützungsbedarf gesprochen.
- Krisenmanagement: Auch in Krisensituationen, wie etwa bei Gefährdung eines Arbeitsverhältnisses, können Unterstützungskreise gebildet oder einberufen werden. Hierbei wird gemeinsam analysiert, welche Herausforderungen bestehen und welche Maßnahmen erforderlich sind, um die Situation zu stabilisieren und den Arbeitsvertrag zu sichern.
Bedeutung der Kooperation mit externen Akteur:innen
Kooperation als Schlüssel für erfolgreiche Unterstützung
Wie die befragten Fachkräfte betonen, spielt die Kooperation mit externen Akteur:innen eine zentrale Rolle im Übergangsmanagement und der beruflichen Integration von Menschen mit Behinderung. Zu diesen Akteur:innen zählen familiäre Bezugspersonen, gesetzliche Betreuer:innen sowie Fachkräfte anderer sozialer Dienste und Einrichtungen.
Zusammenarbeit beim Übergang Schule-Beruf
Gerade im Übergang von Schule zu Beruf ist die enge Abstimmung mit Sozialdiensten der (Förder-)Schulen von besonderer Bedeutung, um eine umfassende Berufsorientierung und individuelle Kompetenzentwicklung zu gewährleisten. Hierbei werden oft gemeinsame Fallbesprechungen und Abstimmungsgespräche geführt, um die Übergangsprozesse so nahtlos wie möglich zu gestalten. Der Elternkontakt ist in dieser Phase besonders intensiv, da viele junge Menschen im Übergang von der Schule ins Arbeitsleben noch stark auf die Unterstützung ihrer Familien angewiesen sind. Dies betrifft sowohl die emotionale Unterstützung als auch die praktische Begleitung bei der Arbeitssuche und der Einarbeitung in betriebliche Strukturen.
Persönliche Zukunftsplanung als Methode der Unterstützung
Einige der befragten Fachkräfte sind zudem in der Methode der Persönlichen Zukunftsplanung (PZP) qualifiziert. Diese Methode fördert die Selbstbestimmung der unterstützten Person, indem sie eine individuelle Lebensplanung ermöglicht, die sowohl die Stärken als auch die Interessen der Person berücksichtigt. Zukunftskonferenzen in diesem Rahmen binden häufig auch das soziale Umfeld und andere wichtige Unterstützungspersonen ein, um gemeinsam Ziele und Entwicklungsschritte zu definieren.
Rolle der gesetzlichen Betreuung bei hohem Unterstützungsbedarf
Bei Klient:innen mit hohem Unterstützungsbedarf spielen die Eltern, die häufig auch die Funktion der gesetzlichen Betreuung übernehmen, eine zentrale Rolle. Diese übernehmen oft nicht nur die rechtliche Vertretung, sondern auch eine wichtige Brückenfunktion zwischen der unterstützten Person, den Fachkräften und potenziellen Arbeitgeber:innen. Gerade bei jungen Klient:innen ist es wichtig, die Kooperation mit den Eltern aktiv zu gestalten, um mögliche Konflikte zu vermeiden und die gemeinsame Verantwortung für den Unterstützungsprozess zu fördern.
Besondere Anforderungen in der Arbeit mit Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen
ARINET arbeitet schwerpunktmäßig mit Menschen zusammen, die eine psychische/psychiatri-sche Beeinträchtigung vorweisen. Die Einbeziehung des familiären Umfeldes wird bei den Teil-nehmenden in der Regel nicht nachgefragt bzw. ist auf Nachfrage nicht erwünscht gleichwohl hat das familiäre Umfeld zum Teil einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit und das Befinden der zu unterstützenden Person. Zusätzliche Herausforderungen ergeben sich z.B. durch organisatorische Alltagsverpflichtungen (Versorgung von Kindern, Partner:innen, zu pflegende Angehörige). Die Einbeziehung des familiären Umfeldes steht in direkter Abhängigkeit zum Lebensalter. Je höher das Alter der Teilnehmenden, umso weniger besteht der Wunsch, das familiäre Umfeld in den beruflichen Klärungs- und Entwicklungsprozess einzubeziehen. Hierbei stehen häufig die Ambulante Sozialpsychiatrie, gesetzliche Betreuer:innen o-der therapeutische/medizinische Netzwerke im Fokus der Unterstützung. Diese Akteur:innen übernehmen in der Regel die Koordination und Stabilisierung der psychosozialen Unterstützung, während die Familie anders involviert ist.
Soziale Netzwerkarbeit
Ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit der befragten Dienste besteht in der sozialen Netzwerkarbeit. Diese umfasst den systematischen Aufbau und die kontinuierliche Pflege von Kontakten zu Arbeitgeber:innen, Unternehmen und anderen relevanten Akteur:innen. Diese Kontakte entstehen häufig durch persönliche Netzwerke, bestehende Fachgremien, direkte Ansprachen an die Geschäftsführung, Diversity-Abteilungen oder Schwerbehindertenvertretungen. Oft entstehen wertvolle Verbindungen auch „im Vorbeigehen“, etwa bei Veranstaltungen, Fachtagungen, Preisverleihungen oder innerhalb bestehender Berufsnetzwerke.
Netzwerkarbeit als strategisches Element der Vermittlung
Für viele Dienste ist die Netzwerkarbeit nicht nur ein unterstützendes Instrument, sondern ein grundlegender Bestandteil ihrer Vermittlungsarbeit. Netzwerke werden hier als Multiplikatoren verstanden, die Zugang zu potenziellen Arbeitsplätzen schaffen, Ressourcen mobilisieren und neue Kooperationspartner:innen gewinnen können. Diese Verbindungen eröffnen nicht nur kurzfristige Chancen, sondern tragen langfristig zur Verankerung von Inklusion in den Unternehmensstrukturen bei. Netzwerkarbeit wird daher von den Fachkräften als zeitintensiv, aber gleichzeitig als strategisch wertvoll bewertet.
Kooperationen mit anderen Träger:innen und Diensten
Neben der direkten Netzwerkarbeit mit Unternehmen spielt auch die Kooperation mit anderen Träger:innen und sozialen Diensten eine zentrale Rolle. Viele der befragten Dienste unterhalten langjährige Partnerschaften mit regionalen Träger:innen der Behindertenhilfe, wie Wohngruppen oder pädagogischen Betreuungsdiensten. Diese Zusammenarbeit findet häufig im Rahmen von Bietergemeinschaften, Kooperationsverträgen oder Arbeitsgruppen statt. Hierbei steht die Abstimmung beruflicher Qualifizierungsmaßnahmen mit den privaten Anforderungen und Erfordernissen der Klient:innen im Mittelpunkt. Diese fallunspezifische Netzwerkarbeit bildet die Grundlage für erfolgreiche Integrationsprozesse und eine ganzheitliche Unterstützung der Zielgruppe.
Alltägliche Netzwerkarbeit im sozialen Umfeld
Netzwerkarbeit beginnt für viele Fachkräfte bereits im eigenen Lebensumfeld. Kontakte zu Schlüsselpersonen wie Politiker:innen, Geschäftsleuten, Vereinsmitgliedern oder Lehrer:innen können wichtige Informationsquellen und Brückenbauer:innen sein. Auch informelle Gelegenheiten, wie Stadtteilfeste, Vereinsversammlungen oder soziale Treffpunkte, bieten Potenzial für den Aufbau von Kontakten.
Gezielte Kontaktaufnahme als Teil der Netzwerkarbeit
Neben zufälligen Begegnungen setzen viele Fachkräfte auf gezielte Kontaktgespräche. Diese Gespräche erfordern eine bewusste Vorbereitung, bei der folgende Fragen zentral sind:
- Was sind meine Ziele für den Kontakt?
- Was will ich mindestens erreichen?
- Wie kann ich mich vorstellen und für meinen Kontakt interessant machen?
- Was kann ich dem potenziellen Netzwerkpartner bieten?
Diese strukturierte Herangehensweise hilft, die Netzwerkarbeit langfristig erfolgreich zu gestalten und die berufliche Inklusion von Menschen mit Behinderung nachhaltig zu fördern.
Soziale und sozialräumliche Netzwerkarbeit bei integra MENSCH und INklusiv! Gemeinsam arbeiten
Grundverständnis der Netzwerkarbeit
Bei den bayerischen Diensten integra MENSCH aus Bamberg und INklusiv! – Gemeinsam arbeiten aus Würzburg spielt die soziale bzw. sozialräumliche Netzwerkarbeit eine zentrale Rolle. Diese geht weit über das bloße Wissen über bestehende Strukturen im sozialen Umfeld der Klient:innen hinaus. Vielmehr betrachten beide Dienste die Welt als ein komplexes Beziehungsnetz, in dem Menschen in vielfältigen sozialen, beruflichen und gesellschaftlichen Kontexten eingebunden sind. Ziel ist es, Sympathie- und Vertrauensbeziehungen zu den Akteur:innen in diesen Netzwerken aufzubauen, um im Rahmen der Unterstützungsarbeit später darauf zurückgreifen zu können.
Fallunspezifische Netzwerkarbeit als Grundlage der Jobakquise
Bei integra MENSCH und INklusiv! Gemeinsam arbeiten werden alle Fachkräfte der betrieblichen Qualifizierung (Jobcoachs) als Netzwerker:innen betrachtet. Diese fallunspezifische Netzwerkarbeit erfolgt unabhängig von einem konkreten Unterstützungsfall und bildet die Grundlage für eine nachhaltige berufliche Inklusion. Dabei geht es darum, die Strukturen und Ressourcen des lokalen Sozialraums zu verstehen, um diese gezielt für die berufliche Integration nutzen zu können.
Schlüsselaktivitäten dieser Netzwerkarbeit umfassen:
- Lokale Präsenz: Fachkräfte müssen in den Gemeinden bzw. Stadtteilen präsent sein, um politische Strukturen, Vereine, Verbände, Kirchengemeinden und Betriebe kennenzulernen.
- Kontaktnutzung: Persönliche Kontakte werden systematisch genutzt und gezielt erweitert. Schlüsselpersonen wie Politiker:innen, Unternehmer:innen, Lehrer:innen oder Vereinsmitglieder können dabei Brückenfunktionen übernehmen.
- Informationsbeschaffung: Auch alltägliche Interaktionen – etwa bei Besorgungen oder Stadtteilfesten – werden genutzt, um Informationen über mögliche Arbeitsplätze und Kooperationspartner:innen zu sammeln.
Kontinuierliche Netzwerkerweiterung
Die Suche nach Arbeitsplätzen beginnt daher nicht erst mit einem konkreten Klienten, sondern ist ein fortlaufender Prozess. Jede Fachkraft nutzt für ihre Arbeit eigene Kontakte, erweitert diese kontinuierlich und teilt ihr fallunspezifisches Wissen im Rahmen von Teamgesprächen mit anderen Fachkräften. Diese Wissensweitergabe stärkt nicht nur die fachliche Expertise innerhalb des Teams, sondern fördert auch die Effizienz in der Jobakquise.
Kommunikative Kompetenzen als Schlüssel zum Erfolg
Wie die befragten Fachkräfte betonen, erfordert diese Netzwerkarbeit ein hohes Maß an kommunikativen Fähigkeiten und sozialer Intelligenz. Es geht nicht darum, Small Talk zu führen, sondern darum, im Gespräch ein Vertrauensklima zu schaffen, das Lust auf weitere Kontakte weckt. Dabei steht die persönliche Ebene im Vordergrund: Der oder die Gesprächspartner:in soll kennengelernt werden, ohne dass sofort konkrete Unterstützungsbedarfe oder Kooperationsmöglichkeiten thematisiert werden.
Wichtige Fragen für diese Art der Netzwerkarbeit sind:
- Wie kann ich eine neue Verbindung knüpfen?
- Wo gibt es eine „Türöffner:in“ für den nächsten Betrieb?
- Wie kann ich Sympathie und Vertrauen schaffen, um das soziale Kapital der Netzwerkkontakte zu mobilisieren?
Vertrauen und Gegenseitiger Nutzen
Ein zentrales Prinzip der fallunspezifischen Netzwerkarbeit ist, dass die Kontakte zunächst zweckfrei aufgebaut werden. Entscheidend ist, dass der Austausch auch für die Netzwerkpartner:innen einen eigenen Nutzen hat. Die Erfahrung zeigt, dass diese Art der Netzwerkarbeit langfristig zu stabilen, belastbaren und nachhaltigen Kooperationsbeziehungen führt.
Zusammenfassende Empfehlungen
Aus den Interviews mit zehn Diensten lassen sich folgende zentrale Aspekte zur Zusammenarbeit mit dem familiären Umfeld, mit Unterstützungskreisen und zur sozialen Netzwerkarbeit ableiten:
- Beteiligung: Ein Unterstützungskreis wird stets gemeinsam mit der unterstützten Person aufgebaut – niemals ohne sie.
- Zuhören: Im Unterstützungskreis steht die unterstützte Person im Mittelpunkt. Die anderen Mitglieder hören zu, außer sie werden direkt angesprochen.
- Werkstattumfeld: Besonders bei Übergängen aus dem Arbeitsbereich der Werkstatt spielt deren Umfeld eine entscheidende Rolle für einen gelungenen Prozess.
- Einbindung: Bei solchen Übergängen lohnt es sich, die Gruppenleitung oder den Fachdienst der Werkstatt in den Unterstützungskreis einzuladen – vorausgesetzt, die unterstützte Person ist damit einverstanden.
- Regelmäßigkeit: Unterstützungskreise sollten sich regelmäßig austauschen, um Kontinuität und Verbindlichkeit zu gewährleisten.
- Gremienarbeit: Fachkräfte sollten Gremien und Tagungen besuchen, um sich über Inhalte und Angebote verschiedener Dienste auszutauschen.
- Vernetzung: Regelmäßiger Austausch und der Aufbau von Kontakten sind zentral. Fachkräfte müssen sich dafür bewusst Zeit nehmen.
- Erstkontakt: Beim ersten Kontakt mit potenziellen Netzwerkpartner:innen ist es wichtig, sensibel vorzugehen – nicht fordernd oder aufdringlich.
- Schlüsselpersonen: Einzelne Schlüsselpersonen haben durch ihre Funktion Zugang zu Unternehmen, wichtigen Einrichtungen oder Ressourcen im Sozialraum. Dazu zählen z. B. Politiker:innen, Geschäftsleute, Vereinsmitglieder, Lehrer:innen oder Pfarrer:innen.
- Grundlage: Die enge Vernetzung mit den Berufsbildungs- und Arbeitsbereichen der WfbM bildet eine wesentliche Grundlage für gelingende Übergänge.
- Besuchsmöglichkeit: Die Gruppenleitung der WfbM sollte die Möglichkeit erhalten, den neuen Arbeitsplatz ihrer ehemaligen Mitarbeitenden zu besuchen. So wird der Erfolg auch für sie sichtbar, was ihre Bereitschaft stärkt, künftige Übergänge zu unterstützen.
- Kontaktpflege: Der regelmäßige Kontakt zu allen Netzwerkpartner:innen ist zentral für tragfähige Beziehungen.
- Ressource: Gute Netzwerkarbeit ist eine wertvolle Ressource – sie hilft in Krisensituationen und fördert individuelle Entwicklung.
- Begegnungsorte: Geeignete Orte für neue Kontakte sind z. B. Neujahrsempfänge, Treffen von Wirtschaftsclubs oder Veranstaltungen in Vereinen.
- Wertschätzung: Unterstützer:innen und Netzwerkpartner:innen sollte Wertschätzung entgegengebracht werden, z. B. durch kleine Weihnachtsgeschenke.
- Anwesenheit: Fachkräfte sollten spüren, wann es wichtig ist, persönlich präsent zu sein – etwa bei Verabschiedungen, runden Geburtstagen oder Veranstaltungen nach Neuwahlen.
- Feierkultur: Der Dienst sollte eine Kultur des Feierns entwickeln, in der Übergänge gewürdigt und die Mitwirkung von Unterstützungskreisen und Netzwerkpartner:innen anerkannt wird. Diese sollten zu entsprechenden Anlässen auch eingeladen werden.
- Beziehungsarbeit: Kontinuierliche Beziehungsarbeit ist für gelingende Unterstützungskreise und Netzwerkarbeit unerlässlich.
Literaturverzeichnis
Doose, S. (2011). I want my dream: Persönliche Zukunftsplanung; neue Perspektiven und Methoden einer personenzentrierten Planung mit Menschen mit Behinderungen (9., überarb. und erw. Neuaufl.). Mensch Zuerst – Netzwerk People First Deutschland.
