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Schräg aufgenommene moderne Hängebrücke mit zahlreichen Tragseilen, die über einen breiten Fluss oder Talspalt führt. Rechts stehen zwei hohe Pylone, links ragen Blätter eines Baums ins Bild. Der Himmel ist leicht bewölkt.

Sozialraumorientierung

Auf einen Blick 

Sozialraumverständnis 

  • Sozialraum als geografischer Raum und als individuelles Beziehungsnetz 
  • UN-BRK fordert Zugang zu gemeindenahen Angeboten 
  • Ziel: Nutzung und Aktivierung vorhandener Ressourcen im Umfeld 
  • Verknüpfung von räumlicher und lebensweltlicher Perspektive 

Fachkonzept Sozialraumorientierung 

  • Orientierung am Willen der Menschen & Aktivierung vorhandener Ressourcen 
  • Arbeitsformen: fallspezifisch, fallübergreifend, fallunspezifisch 
  • Bereichsübergreifendes Handeln und Vernetzung sind zentrale Prinzipien
  • Umsetzung erschwert bei engen zeitlichen Vorgaben (z. B. durch Einzelfallfinanzierung)  

Das SONI-Modell

  • Vier Ebenen: Sozialstruktur, Organisation, Netzwerk, Individuum 
  • Voraussetzung: abgestimmte Aktivitäten auf allen Ebenen 
  • Individuum im Zentrum – Potenziale systematisch aufbauen
  • Erfolgsfaktoren: Haltung, Kooperation & Offenheit über Organisationsgrenzen hinweg  

Sozialraumorientierung in der Praxis 

  • Wachsende Bedeutung in Eingliederungs- und Behindertenhilfe
  • Chancen: mehr Teilhabe, neue Kooperationen, stärkere Sichtbarkeit  
  • Fehlende konzeptionelle Verankerung hemmt Wirksamkeit 
  • SONI-orientierte Dienste (integra Mensch, INklusiv!) berichten von erfolgreicher Vermittlung 

Vertiefung 

Definitionen von Sozialraum 

Die UN-Behindertenrechtskonvention fordert in Artikel 19 einen gleichberechtigten Zugang zu gemeindenahen Dienstleistungen und Einrichtungen. Damit richtet sich der Blick nicht nur auf die Angebote der Behindertenhilfe, sondern auch auf Strukturen und Ressourcen in der Gemeinde. Dies eröffnet eine gemeinwesen- bzw. sozialraumorientierte Perspektive. Während bei der Gemeinwesenarbeit – im Sinne von „Das Feld als Fall“ – das Gemeinwesen oder ein konkreter geografischer Sozialraum im Fokus steht, geht die Sozialraumorientierung darüber hinaus: Sie fordert, dass sich die Leistungserbringung grundsätzlich an allen Ebenen und Zusammenhängen eines Sozialraums orientiert. 

Der Begriff „Sozialraum“ wird in unterschiedlichen Zusammenhängen verwendet und kann verschiedene Bedeutungen annehmen. Diese lassen sich im Wesentlichen auf zwei zentrale Perspektiven zurückführen. 

Zum einen kann der Sozialraum stärker räumlich verstanden werden – im Sinne eines definierten Gebiets. Häufig wird dabei vom „Container“-Modell gesprochen. Dies kann eine Gemeinde, ein Stadtbezirk, ein Quartier, ein Straßenzug oder eine Kombination solcher Räume sein. In der Sozialen Arbeit ist dieses Verständnis etwa relevant bei Verwaltungszuständigkeiten, Planungsregionen oder Einzugsgebieten. Diese Räume werden meist von Politik, Verwaltung oder den jeweiligen Einrichtungen bestimmt und können über Leistungsvereinbarungen konkretisiert werden. Für die Nutzung eines solchen Sozialraums ist entscheidend, welche Angebote, Einrichtungen und Möglichkeiten zur Mobilität und Aneignung vorhanden sind – das können Unternehmen und Arbeitgeber sein, aber auch ein nahegelegener Park, in dem man seine Pause verbringen kann. 

Zum anderen kann der Sozialraum lebensweltlich verstanden werden – aus der Perspektive einzelner Personen. Dann meint er das soziale Netzwerk eines Menschen, also einen durch Beziehungen gestalteten „Netzwerk-Raum“. Dieser Raum ist individuell, kann emotionale oder funktionale Beziehungen umfassen und gehört zur Lebenswelt der Person. „Im Grunde gibt es so viele Sozialräume wie Individuen“. In Bezug auf Unterstützung stellt sich hier die Frage, wo im sozialen Netzwerk Ressourcen vorhanden sind, die zum Beispiel bei der Arbeitsplatzsuche oder der Begleitung zu einem Ausbildungsplatz hilfreich sein können. 

Da einerseits alle Räume von Menschen gestaltet und genutzt werden, und andererseits alle Menschen und ihre Beziehungen räumlich verortet sind, verbindet die Sozialraumorientierung beide Dimensionen. Daraus können Synergieeffekte entstehen – etwa, wenn ein Nachbar oder Freund eines Praktikanten, der aus der WfbM in ein Unternehmen wechselt, ebenfalls dort arbeitet, gemeinsam mit ihm Pause macht oder ihn auf dem Arbeitsweg begleitet. Solche Potenziale gilt es systematisch zu erfassen, zu aktivieren und in der Praxis zu nutzen. 

Das Fachkonzept Sozialraumorientierung 

In der Literatur und Praxis zur Sozialraumorientierung werden vor allem zwei Konzepte herangezogen: das Fachkonzept Sozialraumorientierung und das SONI-Schema. 

Das Fachkonzept Sozialraumorientierung wurde maßgeblich von Wolfgang Hinte und Kolleg:innen entwickelt und findet breite Anwendung, insbesondere in der Jugend- und Behindertenhilfe. Es nimmt den gesamten Sozialraum in den Blick und ist stark von der Gemeinwesenarbeit geprägt. Zugleich formuliert es fünf zentrale Prinzipien, die auch für die Einzelfallarbeit von Bedeutung sind: 

  1. Die Arbeit orientiert sich am Willen der Menschen – nicht an den Vorstellungen anderer. 
  2. Aktivierende Arbeit hat Vorrang vor betreuender Tätigkeit. 
  3. Personale und sozialräumliche Ressourcen sind entscheidend zur Erreichung selbst gewählter Ziele. 
  4. Aktivitäten erfolgen immer zielgruppen- und bereichsübergreifend. 
  5. Die Vernetzung bestehender Dienste und Einrichtungen bildet die Grundlage auch für Einzelfallhilfen. 

Das Fachkonzept unterscheidet zudem zwischen verschiedenen Formen professioneller Arbeit: 

  • Fallspezifische Arbeit bezieht sich direkt auf eine einzelne Person und entspricht der klassischen Einzelfallhilfe. 
  • Fallübergreifende Arbeit ist ebenfalls auf eine konkrete Person bezogen, erfolgt aber indirekt über deren Umfeld – z. B. durch das Aktivieren von Ressourcen im Sozialraum. 
    Fallunspezifische Arbeit hingegen hat keinen direkten Bezug zu einem Einzelfall, sondern dient dem Aufbau von Netzwerken oder Strukturen im Gemeinwesen – etwa durch Gremienarbeit. 
  • Diese Differenzierung wird besonders relevant, wenn bei einer Einzelfallfinanzierung zeitliche Vorgaben gemacht werden, die fallübergreifende oder fallunspezifische Arbeit erschweren. 

Das SONI-Schema 

Nicht nur in der Kinder- und Jugendhilfe, auch in der Behindertenhilfe hat sich das sogenannte SONI-Schema als hilfreiches Instrument etabliert. Dienste wie integra Mensch in Bamberg oder INklusiv! Gemeinsam arbeiten in Würzburg orientieren sich ausdrücklich daran. 

Das SONI-Schema ist kein vollständiges Konzept, sondern ein Strukturmodell, das die Komplexität sozialraumorientierter Arbeit durch die Bündelung verschiedener theoretischer und methodischer Ansätze greifbar machen will. Es gliedert sich in vier Ebenen: 

  • S für Sozialstruktur 
  • O für Organisation 
  • N für Netzwerk 
  • I für Individuum 

Für jede Ebene werden Bedeutungen, Funktionen und relevante Akteur:innen definiert, die in der sozialräumlichen Arbeit berücksichtigt werden sollen (siehe Tabelle 1). 

Auf der Ebene S hängen die Möglichkeiten für sozialraumorientierte Arbeit maßgeblich von kommunalen Rahmenbedingungen ab. Öffentlichkeitsarbeit und politische Lobbyarbeit können hier beispielsweise helfen, finanzielle Mittel oder passende Leistungsvereinbarungen zu sichern. 

Auf der Ebene O sind Organisationen gefordert, sich regional zu strukturieren und ggf. eigene Einheiten für Sozialraumarbeit zu etablieren – mit eigenständiger Organisationskultur. 

Die Ebene N betrifft die Netzwerkarbeit: Fachkräfte bauen Netzwerke mit Unternehmen und möglichen Arbeitgeber:innen sowie mit weiteren Organisationen im Sozialraum auf, die Unterstützung bieten können. 

Das Individuum schließlich steht – anders als in der klassischen Gemeinwesenarbeit – im Zentrum der sozialräumlichen Arbeit. Ressourcen sollen systematisch aufgebaut und mobilisiert werden, etwa durch Bildungsangebote, Trainings oder gezielte Förderung im Sozialraum. 

Tabelle 1: Die Ebenen des SONI-Schemas 

Ebene Bedeutung Akteur:innen 
S Sozialstruktur 1. der in Einkommens-verteilungen, in räumlichen Segregationen, in Infrastrukturausstattungen oder in sozialrechtlichen Vorschriften verobjektivierte Kontext 
2. sozialpolitische „Philosophie“ einer Kommune 
3. Normalitätsvor-stellungen der öffentlichen Meinung  
4. Fachliche Grundorientierung der Sozialverwaltung  
1. Akteur:innen des kommunalpolitischen Lebens 
2. Öffentlichkeit 
O Organisation 1. institutioneller Kontext: Aufbau- und Ablauforganisationen mit Zuständigkeiten, Zugänglichkeiten, Arbeitsplatzbeschreibungen, Spezialisierungen 
2. Trägerlandschaft 
3. Finanzierungs-systeme, ggf. Sozialraumbudget 
4. Kooperations-beziehungen 
1. Organisationen der Leistungsträger:innen und -erbringer:innen 
2. Vereine, andere Organisationen 
N Netzwerk soziale Verknüpfungen zwischen den Bürger:innen eines Sozialen Raumes: Klient:innen, Freiwillige, politische Unterstützer:innen, Sponsoren, Nachbarn 1. Alle Personen in einem Sozialraum 
2. informelle Zusammenschlüsse 
I Individuum 1. subjektive Wahrnehmungs- und Deutungsmuster, Erfahrungen, Erwartungen, Ressourcen, Lebensstil und Lebenslage 
2. egozentriertes soziales Netzwerk einer Person 
1. Klient:innen 
2. Personen in einem Sozialraum 

Quelle: Kulke 2023, S. nach Früchtel, Budde & Cyprian (2013, S. 11ff.) 

Aus den Erfahrungen der interviewten Dienste im Projekt „Wie Vermittlung auf den Arbeitsmarkt gelingt“ lassen sich zwei zentrale Erkenntnisse ableiten: 

  1. Eine wirksame sozialraumorientierte Arbeit erfordert Aktivitäten auf allen vier Ebenen. Wenn die politischen Rahmenbedingungen stimmen und Organisationen sozialraumorientiert aufgestellt sind, gelingt auch die Unterstützung der Klient:innen – etwa bei Weiterbildung, Praktika oder der Vermittlung in Arbeitsverhältnisse – deutlich besser. 
  2. Entscheidend ist auch eine entsprechende Haltung. Fachkräfte sollten offen dafür sein, über die eigene Organisation hinaus zu denken, mit anderen Akteur:innen zusammenzuarbeiten und in Menschen vor allem deren Potenziale zu erkennen. Das erfordert Fortbildungen für Mitarbeitende und Klient:innen – und eine Fehlerkultur, die mit dem Risiko des Scheiterns konstruktiv umgeht. 

Sozialraumorientierung in der Praxis der Eingliederungshilfe 

In der Eingliederungshilfe und Behindertenhilfe gewinnt Sozialraumorientierung zunehmend an Bedeutung. Mittlerweile gibt es dazu umfassende Lehrwerke und Methodensammlungen. Sozialraumorientierung eröffnet zahlreiche Chancen: 

  • Aufwertung des Status von Menschen mit Behinderung 
  • Gewinnung neuer Kooperationspartner und Arbeitgeber 
  • Mehr Sensibilität im Stadtteil und Öffnung für soziale Themen 
  • Gewinnung von Ehrenamtlichen 

Aus den Analysen der zehn befragten Dienste im Projekt „Wie Vermittlung auf den Arbeitsmarkt gelingt“ zeigt sich: Viele Dienste arbeiten auf einzelnen Ebenen bereits sozialraumorientiert. Häufig fehlt jedoch ein übergeordnetes Konzept oder eine gemeinsame Haltung innerhalb der Organisation. 

Gerade hier liegt großes Potenzial: Eine klarere konzeptionelle Verankerung könnte die Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Behinderung weiter stärken. Die beiden Dienste integra Mensch und INklusiv! Gemeinsam arbeiten, die nach dem SONI-Schema arbeiten, sehen sich in ihrer Arbeit durch die erfolgreiche Vermittlung in Außenarbeitsplätze und auf den allgemeinen Arbeitsmarkt deutlich bestätigt. 

Literaturverzeichnis 

 

Eichner, K. (2015): Sozialraumorientierung nach dem SONI-Schema. Das Bamberger Modell. Abschnitt 3.3.4. In: Bundesvereinigung Lebenshilfe (Hrsg.): Teilhabe durch Arbeit. Ergänzbares Handbuch. Marburg. 
Früchtel, F., Budde, W. & Cyprian, G. (2013): Sozialer Raum und Soziale Arbeit. Fieldbook: Methoden und Techniken. 3., überarb. Auflage. Wiesbaden: Springer Fachmedien. 
Früchtel, F., Cyprian, G. & Budde, W. (2013): Sozialer Raum und Soziale Arbeit. Textbook: Theoretische Grundlagen. 3., überarb. Auflage. Wiesbaden: Springer Fachmedien. 
Hinte, W. (2019): Das Fachkonzept „Sozialraumorientierung“ – Grundlage und Herausforderung für professio-nelles Handeln. In: Fürst, R./Hinte, R. (Hrsg.): Sozialraumorientierung. Ein Studienbuch zu fachlichen, institutionellen und finanziellen Aspekten. 3., aktualisierte Auflage. Stuttgart: UTB. S. 9–28. 
Hinte, W. & Treeß, H. (2014): Sozialraumorientierung in der Jugendhilfe. Theoretische Grundlagen, Handlungs-prinzipien und Praxisbeispiele einer kooperativen-integrativen Pädagogik. 3., überarbeitete Aufl. Weinheim und Basel: Beltz Juventa.  
Kulke, D. (2023): Konzepte der Gemeinwesenarbeit und Sozialraumorientierung. In: Amthor, Ralph Christian/James, Sigrid/Kulke, Dieter (2023): Lehrbuch Handlungskonzepte der Sozialen Arbeit. Weinheim: Beltz Juventa Verlag, S. 243-273. 
Lamers, W., Musenberg, O. & Sansour, T. (Hg.). Sozialraumorientierung. S. 280-293. In: dies (Hrsg): Qualitätsoffensive. Teilhabe von erwachsenen Menschen mit schwerer Behinderung. Grundlagen für die Arbeit in Praxis, Aus- und Weiterbildung.
o.V. (2023): Wie eine Werkstatt mit betriebsintegrierten Arbeitsplätzen erfolgreich ist. Interview mit Madeleine Leube, Leiterin Teilhabe Arbeit | Bildung | Inklusion der Mainfränkischen Werkstätten in Würzburg.
Röh, D. & Meins, A. (2021): Sozialraumorientierung in der Eingliederungshilfe. München: Ernst Reinhardt Verlag.