Persönliche Zukunftsplanung
Auf einen Blick
Ziel: Selbstbestimmte und zukunftsorientierte Lebensgestaltung
- Stärken- und ressourcenorientierter Planungsansatz
- Träume, Wünsche und Ziele der Person im Zentrum
- Fachkräfte, Familie & Freund:innen unterstützen den Prozess
Kernelemente der Persönlichen Zukunftsplanung
- Individuelle Lebensziele & Bedürfnisse als Ausgangspunkt
- Sozialraum-Orientierung: Nutzung lokaler Ressourcen
- Beziehungs-Orientierung: tragfähige soziale Netzwerke
Zentrale Haltung & Methodik
- Planung ist offen, veränderbar & ermutigt zum Ausprobieren
- Fokus auf Potenziale, nicht auf Defizite
- Erfahrungen & Erzählungen des Umfelds sind wichtig
Rolle von Unterstützungskreisen
- Von der Hauptperson selbst zusammengestellt
- Kombination aus Freund:innen, Familie & Fachkräften
- Ziel: bestärken, begleiten, neue Perspektiven eröffnen
Prinzipien der Unterstützungskreise
- Doppelte Freiwilligkeit: keine Pflicht zur Teilnahme
- Verantwortung wird auf mehrere Schultern verteilt
- Kontinuität & echtes Interesse stehen im Mittelpunkt
Zusammenfassung der Grundcharakteristika
- Individuell & zukunftsgerichtet
- Stärken- statt Defizitorientierung
- Förderung von Selbstbestimmung & Teilhabe
- Offen für Umwege, Irrtümer & neue Wege
- Nutzung gemeindenaher Unterstützung statt Sondersysteme
Wo & wann Persönliche Zukunftsplanung sinnvoll ist
- Überall, wo Menschen ihre Zukunft gestalten möchten
- Besonders hilfreich in Übergangssituationen
- Einsatz z. B. in:
- Schulen & Freundeskreisen
- WfbM & Unterstützter Beschäftigung
- Beratungsstellen & Wohnassistenz
Vertiefung
Was ist Persönliche Zukunftsplanung?
Unter dem Begriff „Persönliche Zukunftsplanung“ wird im deutschsprachigen Raum eine Gruppe methodischer, personenzentrierter Ansätze verstanden. Im Mittelpunkt steht dabei, gemeinsam mit einer Person über deren Träume, Wünsche, Ziele, Werte, Stärken, Vorlieben sowie wichtige Menschen, Netzwerke und Orte im Leben nachzudenken.
Diese Planungsansätze entstanden Mitte der 1970er-Jahre im englischsprachigen Raum Nordamerikas. Seit den 1980er-Jahren werden sie unter dem Begriff „person centred planning“ zusammengefasst. In den 1990er-Jahren wurden erste Ansätze und Berichte zur Persönlichen Zukunftsplanung in den deutschsprachigen Fachdiskurs aufgenommen.
Ziel der Persönlichen Zukunftsplanung ist es, gemeinsam mit der planenden Person eine positive und wünschenswerte Zukunft zu entwerfen. Dabei geht es nicht nur um persönliche Ziele der betroffenen Person mit Behinderung, sondern auch um:
- die Gestaltung passender Unterstützungsprozesse,
- die Nutzung und Entwicklung lokaler Ressourcen im Sinne der Sozialraumorientierung,
- und die Weiterentwicklung beteiligter Dienstleistungsangebote.
Persönliche Zukunftsplanung ist somit sowohl eine konkrete Handlungsmethode der Sozialen Arbeit als auch eine grundlegende personenzentrierte und stärkenorientierte Haltung.
Doose (2020) beschreibt diesen Ansatz zusätzlich als einen informellen, offenen Prozess des gegenseitigen Kennenlernens. Ziel ist es, die planende Person zu stärken und ihre Potenziale zu erkunden. Wesentlich ist: Zukunftspläne dürfen sich im Laufe des Prozesses verändern – denn die Persönliche Zukunftsplanung lädt ausdrücklich dazu ein, Neues auszuprobieren.
Die betroffene Person steht im Zentrum und gestaltet den Planungsprozess selbst – unterstützt durch Familie, Freund:innen und Fachkräfte. Deren vielfältige Perspektiven helfen, ein ganzheitliches Bild der Person zu zeichnen. Erzählungen und Erfahrungen von Menschen aus dem Umfeld sind ein wertvoller Teil dieses Prozesses.
Der Erfolg der Zukunftsplanung hängt auch von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ab. Besonders bei Menschen mit Behinderung sind echte Wahlmöglichkeiten oft eingeschränkt, da notwendige Unterstützung häufig nur in Sondersystemen verfügbar ist. Diese Systeme können jedoch durch ihre strukturelle Alternativlosigkeit echte Selbstbestimmung erschweren – insbesondere bei höherem Unterstützungsbedarf. Dies ist ein Beispiel dafür, wie gesellschaftliche Strukturen aus einer Beeinträchtigung eine Behinderung machen – nicht die notwendige Unterstützung selbst, sondern die Rahmenbedingungen erschweren die Teilhabe.
Grundcharakteristika Persönlicher Zukunftsplanung
Kernelemente und Handlungsorientierungen
Kern des Ansatzes ist die konsequente Orientierung am Individuum, also an der sogenannten Hauptperson. Diese wird als einzigartiger Mensch mit eigenen Kompetenzen, Grundbedürfnissen und Vorstellungen ernst genommen und in den Mittelpunkt gestellt.
Doose (2020) benennt drei grundlegende Handlungsorientierungen:
Personen-Orientierung:
- Die Hauptperson steht mit ihren Wünschen, Bedürfnissen und Zielen im Zentrum. Ihre Stimme soll gehört und ernst genommen werden.
- Sozialraum-Orientierung:
Ziel ist es, Möglichkeiten im Lebensumfeld zu finden oder zu schaffen, an denen sich die Hauptperson mit ihren Interessen und Fähigkeiten einbringen kann. - Beziehungs-Orientierung:
Diese verbindet die beiden vorherigen Dimensionen, indem sie auf wertschätzende und tragfähige soziale Beziehungen fokussiert – sowohl während als auch nach der Planungsphase.
Persönliche Zukunftsplanung und die Arbeit mit Unterstützungskreisen
Ein zentrales Instrument der Persönlichen Zukunftsplanung ist der Unterstützungskreis. Dabei handelt es sich um eine Gruppe von Menschen, die die Hauptperson in ihrem Übergang – etwa in Arbeit, Ausbildung oder Wohnen – begleiten.
Die Mitglieder des Kreises werden von der Hauptperson selbst ausgewählt. Sie können aus dem Freundes- oder Familienkreis stammen, aber auch Fachkräfte aus Schule, Werkstatt, Wohneinrichtungen oder andere Personen aus dem sozialen Umfeld sein.
Der Unterstützungskreis vernetzt unterschiedliche Personen und Institutionen, sodass nicht eine einzelne Fachkraft die ganze Verantwortung trägt. Dies stärkt die Unterstützung und eröffnet neue Perspektiven auf mögliche Übergangswege und Problemlösungen.
Die Arbeit mit Unterstützungskreisen basiert auf doppelter Freiwilligkeit:
- Die Hauptperson entscheidet selbst, ob sie einen Unterstützungskreis möchte. Ein solcher darf nicht von Trägern oder Einrichtungen vorgeschrieben werden.
- Auch die Teilnahme der Unterstützer:innen erfolgt freiwillig. Sie sollten aus eigenem Antrieb und mit echtem Interesse an der Zukunft der Hauptperson mitwirken.
Die Aufgabe des Unterstützungskreises ist es, die Hauptperson in der Ideenfindung, Planung und Umsetzung ihrer Zukunftsvision zu bestärken, zu ermutigen und zu begleiten.
Zusammenfassung der Grundcharakteristika Persönlicher Zukunftsplanung
Die wichtigsten Merkmale lassen sich wie folgt zusammenfassen:
Persönliche Zukunftsplanung…
- ist individuell,
- baut auf Stärken und Fähigkeiten auf,
- stärkt die Selbstbestimmung,
- richtet den Blick in die Zukunft,
- erkundet Potenziale und Optionen,
- thematisiert Freundschaft, Freizeit, Arbeit und Teilhabe,
- wird aktiv von der Hauptperson gestaltet,
- bezieht Familie und Freunde ein,
- legt den Fokus auf Ressourcen statt auf Defizite,
- setzt auf Lebensräume, gemeindenahe Unterstützung und reguläre Dienste statt auf Sondereinrichtungen,
- erlaubt Fehlversuche, Umwege und Kurswechsel,
- fördert Offenheit, Humor und realistische Auseinandersetzung mit Träumen,
- kann durch Unterstützungskreise getragen werden.
Wo und wann findet Persönliche Zukunftsplanung statt?
Da sich die Persönliche Zukunftsplanung an der Hauptperson orientiert, kann sie überall stattfinden – dort, wo Menschen ihre Zukunft aktiv gestalten wollen.
Geeignete Orte und Kontexte sind beispielsweise:
- Schule
- Familie
- Freundeskreis
- Beratungsstellen
- Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM)
- Maßnahmen zur vertieften Berufsorientierung
- Unterstützte Beschäftigung
- Assistenzangebote in den Bereichen Arbeit, Wohnen und Freizeit
Besonders hilfreich ist Persönliche Zukunftsplanung in Übergangssituationen, etwa:
- beim Wechsel von der Schule in den Beruf,
- beim Auszug aus dem Elternhaus,
- oder beim Übergang aus der Werkstatt auf den allgemeinen Arbeitsmarkt.
Literaturverzeichnis
Doose, S. (2020). „I want my dream!“: Persönliche Zukunftsplanung weiter gedacht: Neue Perspektiven und Methoden einer personenorientierten Planung mit Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen (11. grundlegend überarbeitete und erweiterte Neuausgabe). Materialien der AG SPAK: M 340. AG SPAK Arbeitsgemeinschaft sozialpolitischer Arbeitskreise.
Fietkau, S. (2015). Unterstützer*innenkreise für Menschen mit Behinderung im internationalen Vergleich – ein Blick auf die Situation in den USA. In R. Kruschel & A. Hinz (Hrsg.), Zukunftsplanung als Schlüsselelement von Inklusion: Praxis und Theorie personenzentrierter Planung (S. 235–245). Julius Klinkhardt.
Müller, M. (2019). Die persönliche Zukunftsplanung im Bundesteilhabegesetz: Entspricht das Umsetzungsvorhaben der Sozialpolitik den individuellen Wünschen der betroffenen Menschen? Diplomica Verlag.
Weiterführende Informationen zur Persönlichen Zukunftsplanung über das Netzwerk Persönliche Zukunftsplanung e. V. verfügbar
